(nach Peter Fiedler 1994)
Vorgestellt werden sollen hier nach Fiedler (1994) in Stichworten
Die beiden letzteren Modelle basieren auf den Arbeiten Learys und stellen lediglich Ausarbeitungen dar.
Bei dem von Leary
(1957) entworfenen "Interpersonal Circle" werden
Persönlichkeitseigenarten, die nach ihrer Funktion in der zwischenmenschlichen
Begegnung benannt werden, auf einer Ebene kreisförmig angeordnet,
wobei die Ebene zwei senkrecht aufeinander stehende Achsen (Dimensionen)
umgibt. Es handelt sich also um ein Kreismodell der Persönlichkeit. Auf der vertikalen Achse sind die Persönlichkeitseigenschaften
zwischen den Extremen Polen Dominanz versus Unterwürfigkeit dimensionierbar,
auf der horizontalen Achse zwischen den Polen Haß und Liebe. Der
Schweregrad, d.h. die Entscheidung, ob eine P.-eigenschaft zu einer -störung
avanciert, läßt sich durch die Position zwischen Achsenmittelpunkt
und Außenkreis dimensionieren.
Acht Persönlichkeitstypen können so beschrieben werden:
Benachbarte Kategorien korrelieren in empirischen Untersuchungen hoch positiv, während gegenüberliegende Kategorien hoch negativ korrelieren.
Empirische faktorenanalytische (Nach-) Untersuchungen konnten inzwischen auch bestätigen, daß die Beschränkung auf die zwei Grunddimensionen "Status" (Dominanz vs. Unterwürfigkeit) und "Zuneigung" (Liebe vs. Haß) sinnvoll sind.
Kieslers Interpersoneller Zirkel (IPC) (1983; 1986) gründet sich in einer Synthese von Sullivans "interpersoneller Theorie" und Learys Kreismodell nach Fiedler auf folgende theoretische Annahmen:
"Nach Kieslers Auffassung beruht die Entwicklung von Persönlichkeitseinseitigkeiten und Persönlichkeitsstörungen im wesentlichen auf einem Wechselspiel der intrapsychischen und interpersonellen Dynamik, welches Menschen dazu führt, maladaptive Beziehungen zu wiederholen, um damit eine psychologische Bindung auf dem Niveau erreichter Kompetenz aufrechtzuerhalten. Obwohl diese maladaptiven Beziehungsmuster häufig schmerzhaft erlebt werden, bleiben sie bestehen, weil Alternativen nicht oder nur unzureichnd gelernt wurden und damit prinzipiell eine Bedrohung des Selbst (-bildes/-konzeptes) darstellen." (Fiedler, 1994, S. 102).
Kieslers Kreismodell (s.a. Abb. 16 im Anhang) übernimmt die beiden Achsen des Modells von Leary, geht aber gleichzeitig darüber hinaus, indem es ein weiteres Postulat berücksichtigt, welches besagt
"daß zwei miteinander interagierende Personen ihr Verhalten gegenseitig beeinflussen. Dieses Prinzip trägt dazu bei, daß die im Circumplex einzuordnenden Handlungen spezifische Reaktionen bei anderen Personen herausfordern oder hervorrufen. Gewöhnlich besteht eine Komplementarität.. Damit ist gemeint, daß sich die Handlungsmuster ähnlich sind im Hinblick auf die Zuneigungsdimension (freundlich - feindselig) und reziprok im Hinblick auf die Kontrolldimension (dominant - unterwürfig) des interpersonellen Zirkels. Konkret in das Modell übertragen: dominant-feindseliges Verhalten (z.B. "konkurrierend, verachtend-rivalisierend") führt zu submissiv-feindseligen Reaktionen ("unsicher, demütig-hilflos"); und dominant-freundliches Verhalten (z.B. "gesellig") führt zu eher submisiv-freundlichen Reaktionen (also "warmherzig akzeptierend"). Komplementarität scheint die zwischenmenschlichen Bedürfnisse der Interaktionsteilnehmer am ehesten zu befriedigen; andererseits besteht das Problem zur Aufrechterhaltung unflexibler Komplementaritätsverschränkungen, die in einen letztlich hilflos machenden circulus vitiosus entgleiten können." (Fiedler, 1994, S. 104)
Horowitz (z.B. Horowitz
et al., 1988; in deutscher Übersetzung, 1994) entwickelte in
über 10jähriger Arbeit eines der inzwischen am besten akzeptierten
und dadurch brauchbaren Selbstbeurteilungsverfahren zur Diagnostik und
Bewertung interaktioneller Schwierigkeiten und Persönlichkeitseigenschaften,
das sogenannte Inventar zur Erfassung interpersoneller Probleme (IIP-C/-D)
(s.a. Abb. im Anhang).
Dieses Fragebogen-Inventar erlaubt es (nach Fiedler, 1994),
"spezifische Beziehungsmuster wie deren Problemaspekte zu identifizieren, einzugrenzen und - da es recht sensitiv auf persönliche Änderungen anspricht - deren Verlaufseigenarten zu überprüfen, weshalb sich dieser Fragebogen auch als ausgesprochen brauchbar für eine Therapieverlaufskontrolle erwiesen hat (vgl. Grawe & Braun, 1994)." (Fiedler, 1994, S. 104)
Entsprechende Untersuchungen
ergaben, daß sich die interaktionellen Eigenschaften der Patienten
zwei zentralen Faktoren zuordnen lassen, die wiederum den Hauptdimensionen
der anderen Kreismodelle entsprechen.
Kreismodelle sind
derzeit sehr beliebt, um Persönlichkeitseigenschaften und Interaktionsverhalten
zu dimensionieren. Es sind daher inzwischen Bemühungen im Gange,
die prototypischen Interaktionseigenarten der DSM-III (-R)-Persönlichkeitsstörungen
in die Kreismodelle einzufügen.
Dies gelingt nur für einige Störungen bislang befriedigend,
nämlich für diejenigen, deren Verhaltensäußerungen
ein einheitliches Profil ergeben, z.B. für
Größere Schwierigkeiten gib es bei komplexeren Störungsprofilen, die aus mehreren Dimensionen zusammengesetzt erscheinen, z.B.
Völlig ausgeklammert bleiben in den zweidimensionalen Anordnungen aber grundsätzlich alle die wichtigen, für die korrekte Diagnosestellung unabdingbaren, intrapsychischen Aspekte oder Prozesse, wie z.B. (vgl. Fiedler, 1994, S. 106)
Die Strukturanalyse
sozialer Beziehungen (SASB) von Benjamin (1974):
Für Benjamin hängt die Regulation zwischenmenschlicher Beziehungen
nicht nur von den jeweiligen Positionen in den beiden Dimensionen "Status"
bzw. "Zuneigung" ab, sondern
Unter Beibehaltung
der beiden schon beschriebenen Achsen und der jeweiligen Anordnung der
Persönlichkeitseigenschaften im Kreismodell, können für
die Gesamtdarstellung eines Patienten jeweils drei Kreismodelle zur Abbildung
kommen, welche die genannten drei Foci repräsentieren.
Fokus 1 beschreibt transitive Interaktionsformen, d.h. solche interpersonellen
Modi, bei der die Interaktion des Betroffenen auf den Partner ausgerichtet
ist, also diesen zum Aufmerksamkeitsfokus wählt.
Fokus 2 beschreibt intransitive Interaktionsformen, d.h. solche
interpersonellen Modi, bei der die Interaktion des Betroffenen auf sich
selber ausgerichtet ist, also sich selber zum Aufmerksamkeitsfokus wählt.
Fokus 3 beschreibt zeit- und situationsstabile innere Grundhaltungen
des Betroffenen sich selbst gegenüber. Der Aufmerksamkeitsfokus liegt
hier auf den Introjekten, welche wiederum die Beziehung des Betroffenen
zu sich selbst normativ regulieren.
Laut Fiedler(1994) lassen sich mit Hilfe der "SASB-Beurteilung...nicht mehr nur die recht eindeutigen persönlichkeitsbedingten Interaktionsauffäligkeiten beurteilen und einordnen, sondern selbst höchst komplexe und fluktuierende Beziehungsmuster werden einer genauen Erfassung und Rekonstruktion zugänglich." (S. 108)
Recht anschaulich
lassen sich im Modell z.B. persontypische Strukturmerkmale oder interpersonelle
Strukturmerkmale abbilden.
Beispiele für persontypische Strukturmerkmale sind z.B. die Begriffe
"Doppelbindung" (double bind), "Ambivalenz" und "Konflikt".
Die SASB-Beurteilung kann diese in ihren unterschiedlichen Bedeutungen
zur Darstellung bringen, und es wird auch deutlich, warum es Interaktionspartnern
so schwer fällt, dazu komplementäre Beziehungen einzugehen:
Doppelbindung:
Ambivalenz:
Konflikt:
Beispiele für
interaktionelle Strukturmerkmale sind die Begriffe "Komplementarität", "Opposition" und "Kongruenz":
Definition der Komplementarität nach Fiedler:
"Das Komplementaritätsprinzip besagt: Fokussiert ein Sprecher sein Gegenüber (Fokus: "Andere"), so lenkt er damit die Aufmerksamkeit des Interaktionspartners auf dessen eigene Person. Jener reagiert dann komplementär, wenn er dieser Erwartung entspricht (nämlich mit einer Fokussierung auf das "Selbst"). Genau "komplementär" wäre die Reakion, wenn sie dem gleichen Punkt im interpersonellen Raum entspräche - nunmehr lediglich mit anderem Fokus als der Interaktionspartner." (Fiedler, 1994, S. 110)
Definition der Kongruenz nach Fiedler:
Diese "drückt sich...in einer (nur scheinbaren) Entsprechung der Verhaltensweisen zweier Personen durch ein Interagieren im gleichen Fokusbereich aus, stellt in der Realität jedoch zumeist ein "Aneinander-Vorbei-Reden" dar: Beide Sprecher sprechen gleichzeitig entweder über sich selbst (bzw. haben die interaktionelle Aufmerksamkeit auf sich selbst gerichtet) und sind mit ihrer Aufmerksamkeit gleichzeitig beim anderen und versuchen ihn gleichartig zu beeinflussen; denn die Kongruenz verlangt im SASB-Modell neben der Fokusentsprechung das Verweilen im gleichen Cluster. (1994, S. 110)
Definition der Interpersonellen Opposition nach Fiedler:
"Die interpersonelle Opposition ist...definiert als diagonal entgegengesetztes Punktpaar innerhalb eines Fokusbereiches und zwar als Wechsel in einer Interaktionssequenz durch den zweiten Sprecher um 180° in den im gleichen Fokus (Selbst oder Andere) gegenüber liegenden oppositionellen Cluster." (1994, S. 110)
Von Benjamin (1995) selber wurde inzwischen versucht, die für die Persönlichkeitsstörungen des DSM-III (-R) typischen Interaktionsmuster in das SASB-Modell zu übersetzen. Eine zusammenfassende Darstellung findet sich bei Fiedler (1994, S. 112-114)
Zuletzt aktualisiert: 03.02.2010