Beiträge der Psychoanalyse zur Charakterologie
In der Geschichte
der Psychoanalyse erweiterte sich der Focus von der solitären Betrachtung
des Individuums immer mehr in Richtung interpersoneller Phänomene.
Wie Fiedler (1994, S. 72-114) anschaulich nachzeichnet begann die
Entwicklung mit Pionierleistungen einzelner Schüler Freud's, die
mit bestimmten "Dogmen" der klassischen Analyse brachen und
- soweit der "Bruch" zu Lebzeiten Freud's erfolgte - anschließend
meist aus der psychoanalytischen Vereinigung ausgeschlossen wurden.
Nur stichpunktartig
sind an dieser Stelle die Ansichten einiger bedeutender Psychoanalytiker
zu erwähnen:
Die Ansichten von Alfred Adler
(1911)
- daß die sexuellen
Störungen des Menschen ein sekundäres Phänomen darstellen,
welches aus zwischenmenschlichen Konflikten resultiere,
- daß die persönliche
Entwicklung des Menschen sowie die Entstehung von Neurosen in Form von
persontypischen Lebensstilen wesentlich durch Minderwertigkeitsgefühle
angesichts einer konstitutionellen Organminderwertigkeit mitbestimmt
bzw. begründet werde,
- daß somit
das Machtstreben bzw. das Streben nach Überlegenheit wesentliches
Merkmal sowohl der neurotischen als auch der normalen Entwicklung der
Persönlichkeit sei und
- daß normale
wie neurotische Personen die Organminderwertigkeiten kompensieren:
- erstere, indem
sie Kenntnisse und Kompetenzen erwerben und soziale Verantwortung
übernehmen
- letztere, indem
sie die Kompensationsbemühungen in den sinnlosen Bereich von
bloßer sozialer Konkurrenz verschieben.
Die Ansichten von C.G. Jung (1913;
1921)
- daß Menschen
über eine Art phylogenetisches, kollektives Unbewußtes untereinander
in Verbindung stehen,
- daß die "Libido"
weit über die Bedeutung als Sexualität hinaus als eine Art
"positive Lebenskraft" und im weitesten Sinne als "Liebe"
zu verstehen sei,
- daß zur Individuation
(und damit auch zur Charakterentwicklung) die ständige Auseinandersetzung
mit der Außenwelt und den anderen Menschen erforderlich sei,
- daß daher
die persönliche Selbst-Verwirklichung in einem Spannungsverhältnis
zwischen "Introversion" und "Extraversion" begründet
liege und
- daß Vereinseitigungen
in Richtung einer der beiden Pole zu Störungen (z.B. Neurosen oder
Schizophrenien) führen
Die Ausführungen von Karin
Horney (1945)
denen zufolge
- die individuelle
gesunde oder neurotische Entwicklung ganz elementar davon abhänge,
inwieweit die Erziehung es ermögliche, eine der Sozialisation in
einer feindlichen Umwelt entsprungenen Grundangst zu verhindern oder
zu überwinden,
- ein Persistieren
der Grundangst zu einer Abwehr- und Vermeidungshaltung, einer "Verarmung
der Persönlichkeit" und zu einer Fehlentwicklung führe,
die sich in vier möglichen Formen zeigen könne:
- in einer dependenten,
versöhnlichen und ausgleichenden Grundhaltung, wenn Angst und
negative Gefühle unterdrückt und/oder geleugnet werden
- in einem ausgeprägten
Bedürfnis nach emotionaler und räumlicher Distanz zur
Umwelt mit der Folge zunehmender Entfremdung
- in einer inneren
Ausrichtung auf ein "idealisiertes Selbst" mit entsprechenden
Einschränkungen des zukünftigen Erfahrungshorizontes
- in einer projizierenden
Haltung und Externalisierung
Die Ansichten von Schultz-Hencke
(1940)
- daß nicht
Triebkonflikt und Ödipuskomplex Kern der Persönlichkeitsentwicklung
und der Neurosenentstehung seien, sondern eine durch Erziehungseinflüsse
(Härte und/oder Verwöhnung) eintretende Hemmung des natürlichen,
angeborenen Antriebserlebens des Kindes,
- daß Sexualität
nur eine Triebkraft der kindlichen Intentionalität sei,
- daß das Kind
daneben neugierig, emotional und explorativ auf die Welt hin ausgerichtet
sei
- daß das so
geartete Antriebserleben des Kindes Entwicklungsphasen (ähnlich
denen der Freudschen Sexualentwicklung) durchläuft und
- daß Hemmungen
umso schwerere Folgen haben, je früher sie einsetzen.
Schultz Hencke unterscheidet
(nach Zeitpunkt der Schädigung) in aufsteigender Reihe folgende fünf
strukturellen Fehlentwicklungen:
- die schizoide Struktur,
entstanden durch frühkindliche Intentionshemmung bezüglich
engerer zwischenmenschlicher Beziehungserfahrungen
- die depressive
Struktur, entstanden durch Unterbindung oraler oder oral/aggressiver
Impulse durch erzieherische Härte oder Verwöhnung
- die zwangsneurotische
Struktur, entstanden durch die Beschneidung des Bedürfnisses Besitz
zu ergreifen oder die Umwelt zu explorieren
- die hysterische
Struktur, entstanden durch die Unterdrückung sexueller Intentionen
im vierten oder fünften Lebensjahr
- die neurasthenische
Struktur, entstanden aus kombinierten Hemmungserfahrungen der ersten
fünf Lebensjahre
Das Phasenmodell der Ich-
und Persönlichkeitsentwicklung von Erik Homburger Erikson (1950)
welches
- vor allem auf die
Beschreibung der gesunden Entwicklung ausgerichtet ist
- die persönliche
Entwicklung des Menschen von der gelungenen oder fehlgeschlagenen Bewältigung,
spezifischer, an bestimmte Lebensphasen gebundene Konfliktkonstellationen
abhängig sieht, die sich über das gesamte Leben hinwegziehen
und nicht auf die frühe Kindheit begrenzt sind
- den besonderen
Stellenwert der im Zusammenhang mit den Konflikten auftretenden "Lebens-Krisen"
( d.h. des subjektiven Ausdruck innerer und äußerer Konflikte)
als Ausgangspunkt auch für positive Veränderungen und neue
Entwicklungen betont
- folgende acht Konfliktkonstellationen
und Lebensphasen unterscheidet:
- Urvertrauen
gegen Urmißtrauen (entspricht der "oralen" Phase)
- Autonomie gegen
Scham und Zweifel (entspricht der "analen" Phase)
- Initiative
gegen Schuldgefühl (entspricht der "ödipalen"
Phase)
- Werksinn gegen
Minderwertigkeitsgefühle (Übergang in soziale Aktivitäten)
- Identität
gegen Identitätsdiffusion (Adoleszenz und Notwendigkeit zur
psychosozialen Selbstdefinition, besondere Gefahr des Abgleitens
in Kriminalität, Alkohol- oder Drogenabhängigkeit)
- Intimität
gegen Isolation (besondere Vulnerabilität gegenüber sozialen
Zurückweisungen, Möglichkeit der Entstehung von Psychopathien)
- Generativität
gegen Stagnation (25. bis 65. Lj.)
- Ichintegrität
gegen Verzweiflung und Ekel (Bilanzierungsphase, besondere Anfälligkeit
für die Ausbildung von Ekel, Lebensüberdruß, Bitterkeit,
Todesangst oder Abwertung Anderer)
Die Auffassungen von Harry Stack
Sullivan, dem Begründer der "interpersonellen Theorie der
Psychiatrie" (1953)
welcher
- unter "Persönlichkeit...das
überdauernde Muster wiederkehrender interpersoneller Situationen,
die ein menschliches Leben charakterisieren", verstand,
- 10 psychiatrisch
relevante Persönlichkeitstypen aus interpersoneller Perspektive
beschrieb:
- die Nichtintegrierten
- die Selbstversunkenen
- die Unverbesserlichen
- die negativistischen
Persönlichkeiten
- die stammelnden
Persönlichkeiten (als Sonderform negativistischer Einstellungen
gegenüber der Welt und den Anderen)
- die Ehrgeizbesessenen
- die Dissozialen
- die "inadäquaten"
Persönlichkeiten (anklammernd hilflos, führungsbedürftig)
- die homosexuellen
Persönlichkeiten
- die chronisch
Adoleszenten (Idealisten, Wunschträumer)
- die Persönlichkeitsentwicklung
von der Personifizierung eines Selbst oder eines Selbstsystems abhängig
machte im Sinne einer "Struktur von Glaubenssätzen, Generalisierungen
und Annahmen über jene Erfahrungen und Wahrnehmungen, die das
Kind, der Jugendliche und der Erwachsene im Laufe des Lebens macht."
Es handelt
sich bei den "Selbst-Konstruktionen" um ein "affektiv
gesteuertes Netz erklärender, kognitiv-theoretischer Konstruktionen."
(Fiedler, 1994, S. 87)
- den Prozeß
der Selbstsystem-Entwicklung von zwei interpersonell bedeutsamen, einander
entgegengerichteten (reziproken), aber miteinander wechselwirkenden
Bedürfnistendenzen abhängig macht (s.a. Schaubild im Anhang),
nämlich der
- Tendenz zur
interpersonellen Bedürfnisbefriedigung und der
- Tendenz zur
Angstminimierung
- das Selbstsystem
deshalb auch als "Anti-Angst-System" bezeichnet, weil die
Bedürfnisbefriedigung von dem Bedürfnis der Angstminimierung
dominiert wird.
- sogenannte "Sicherheitsoperationen"
dieses Selbst-Systems beschreibt, die dem Zweck der Angstminderung dienen
und die das gesamte Spektrum neurotischer und psychotischer Symptomatologie
umfassen, so z.B. (H.S.Sullivan, 1940; s.a. Fiedler, 1994, S. 90)
- selektive Unaufmerksamkeit
- Apathie
- Lethargie
- Irrationale
Wut
- Steriler Zorn
- Verweigerung
- Projektion
u.a.
- diese Sicherheitsoperationen
und v.a. die Fähigkeit zur selektiven Unaufmerksamkeit gegenüber
Angsterfahrungen in interpersonellen Situationen zu entscheidenden Determinanten
der individuellen Persönlichkeitsentfaltung macht
Die Ansichten von Erich Fromm
(1941)
denen zufolge
- "die menschliche
Persönlichkeit grundsätzlich nur in ihrer Beziehung zur Welt,
zu den anderen Menschen, zur Natur und zu sich selbst zu verstehen ist"
und nicht etwa, wie bei Freud, lediglich als ein Produkt des Umgangs
mit Trieben und Triebabkömmlingen. Fromm: "Ich halte
den Menschen primär für ein gesellschaftliches Wesen und glaube
nicht, wie Freud es tut, daß er primär selbstgenügsam
ist und nur sekundär die anderen braucht, um seine triebhaften
Bedürfnisse zu befriedigen. In diesem Sinne glaueb ist, daß
die Individualpsychologie im Grunde Sozialpsychologie ist, oder - um
mit Sullivan zu reden - Psychologie zwischenmenschlicher Beziehung.
Das Schlüsselproblem der Psychologie ist das Problem der besonderen
Art der Bezogenheit des einzelnen auf die Welt, und nicht die Befriedigung
oder Frustrierung einzelner triebhafter Begierden. Das Problem der Befriedigung
der triebhaften Begierden des Menschen ist als Teil des Gesamtproblems
seiner Beziehungen zur Welt zu verstehen, und nicht als das Problem
der menschlichen Persönlichkeit." (Fromm, 1983, S. 248)
- man eine Reihe
von Charaktertypen aufgrund ihrer Produktivität unterscheiden kann.
Die nicht-produktiven Charaktere (das sind die, die nicht nach
Liebe, Kreativität, Wahrheitsfindung, geistigen Dingen, Individuation,
Vernunft und Lebensbejahung streben) sind diejenigen, die bei extremer
Ausprägung Charakterstörungen darstellen. Zu ihnen gehören
- der rezeptive
Charakter (extreme Orientierung an haltgebenden äußeren
Bezugspersonen, bis hin zur masochistischen Unterwürfigkeit)
- der ausbeuterische
Charakter (Haben-Orientierung, Ausbeutung A_nderer, auch Sadismus
und Herrschsüchtigkeit)
- der hortende
Charakter (Ordnung und Sicherheit, Angst vor gefühlsmäßig
intensiven Beziehungen)
- der merkantile
Charakter (Selbstsicherheit durch Anpassung, sich gut "verkaufen")
- der nekrophile
Charakter (destruktive Angst vor allem Lebendigen, z.B. unerbittliche
Hüter von "Recht und Ordnung" bis zur Anwendung von
Gewalt gegen sich selber oder andere)
- der Mensch sich
auf dem Wege zur Individuation in einem ständigen Spannungsfeld
zwischen der Pseudosicherheit totalitärer Gesellschaftsstrukturen
und der Scheinfreiheit merkantilistisch-kapitalistischer Systeme und
damit in einem Konflikt zwischen Auflehnung oder Unterwerfung befindet.
Als existentielles Dilemma bezeichnet Fromm den Umstand, daß der
Mensch mit größer werdender Freiheit und Unabhängigkeit
auch einsamer werde, andererseits aber mit zunehmendem Konformismus
und mangelhafter Individuation psychische Störungen und Charakterstörungen
entwickele. Grundsätzlich besteht jedoch die Möglichkeit,
sich aus gesellschaftlichen Zwangsjacken zu befreien. Fromms Konzepte
sind eng mit marxistischem Gedankengut verbunden. Zeitlebens versuchte
Fromm eine Synthese zwischen der Psychoanalyse und dem Marxismus herzustellen.
Zuletzt aktualisiert: 03.02.2010